Fashion

Fast Fashion: Verführung auf Kosten unserer Erde

Steph
Stefanie Behrens, Freie Autorin
14. April 2020

Fast Fashion wird das Geschäftsmodell genannt, das auf schnellen Kleidungskonsum ausgelegt ist. Schneller einzigartiges Modedesign kopieren, schneller herstellen lassen, schneller viral gehen, schneller verkaufen, schneller liefern, schneller wieder entsorgen.

Fast Fashion

Die Abläufe in der Modeindustrie haben sich seit dem Jahr 2000 extrem verändert. Die ursprüngliche Idee: Durch das sofortige Reagieren auf elitäre Trends sollte ehemals exklusive Mode massentauglich gemacht werden. Durch die vergleichsweise billige Herstellung von Textilien in Niedriglohnländern wurde es möglich, immer mehr Kleidungsstücke in kurzen Abständen auf die globalen Märkte zu werfen. Unvorstellbar, dass zum Beispiel bis zum Ende der Neunziger Jahre große Modehäuser nur jeweils eine Frühjahr/Sommer- und eine Herbst/Winter-Kollektion kreierten. Digitaler Wandel ermöglichte das Kopieren der ideenreichen, exklusiven und hochwertigen Designer-Kollektionen in der Billigvariante. Die Lust auf Mode – auf Expression, Selbstverwirklichung, Stil – wurde durch die sozialen Medien angeheizt. Immer schneller werden seitdem die Trendstücke massenhaft kostengünstig produziert und in die Läden oder Onlineshops gebracht. Mit echtem Bedarf nach Bekleidung hat diese Entwicklung im Style-Sektor schon lange nichts mehr zu tun. Konsumierende sind es gewöhnt, zu kaufen, obwohl sie realistisch betrachtet keinen Bedarf nach neuer Kleidung haben.

Übersicht:

Fast Fashion nennt man massenhaft gefertigte Kollektionsteile aus qualitativ minderwertigen Materialien, wie zum Beispiel synthetischen Fasern, mit kurzer Lebensdauer zum Billigpreis.

Einige Textilketten bringen inzwischen bis zu 24 Kollektionen pro Jahr auf den Markt, rund alle zwei Wochen schwemmen sie neue Ware in ihre Läden. Inzwischen gibt es sogar schon das Update, die “Ultra Fast Fashion”. Einige Online-Unternehmen sollen wöchentlich bis zu 4.500 Stücke auf den Markt bringen, wie der Spiegel berichtete. Das bedeutet eine Produktionsdauer von nur zwei bis vier Wochen vom Design bis zum Handel. Die günstigen Preise regen zum übermäßigen Dauerkonsum an. Und die Kauflust ist erstaunlicherweise noch da, auch wenn rund ein Drittel der gekauften Ware später nicht einmal getragen wird. Mode ist zum Wegwerfprodukt geworden.

Fast Fashion ist ein klimapolitisches Problem

Acht Prozent des weltweiten CO2-Verbrauchs ist auf die Textil- und Schuhindustrie zurückzuführen. Die schnellere Produktion von Massenware zieht mehr Treibhausgase, Wasserknappheit, Chemikalienbelastung sowie die Produktion von synthetischen Fasern nach sich. Das weltumspannende Konzept der Fast Fashion ist einer der Faktoren, der zu einer so starken Belastung der Umwelt geführt hat, dass wir uns in einer Menschheitskrise befinden. Das Leben auf der Erde ist so stark bedroht, dass eine radikale Änderung der Verhältnisse notwendig ist. Obwohl viele Menschen die bedrohlichen Fakten schon gelesen und gehört haben, können sie sich einfach nicht vorstellen, ihr bequemes Leben zu ändern. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer versucht uns in seinem Buch “Wir sind das Klima” aufzurütteln und die Vorstellungskrise der Menschheit, wie er es nennt, zu beenden. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg hat mit der von ihr initiierten Fridays For Future-Bewegung schon viele, meist junge, Menschen aufgerüttelt. Der Wunsch nach Veränderung ist da.

„Wir sind das Klima“ Jonathan Safran Foer

Fast Fashion geht immer noch auf Kosten von Menschen

Eine weitere Kehrseite der Billigmode sind Ausbeutung und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen im Globalen Süden, die Kleidung unter schwierigen Bedingungen für sehr geringe Löhne herstellen. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde diese Problematik zum ersten Mal nach dem Einsturz des achtstöckigen Textilgebäudes Rana Plaza am 24. April 2013 in Bangladesch bekannt. Trotz bekannten Mängeln wurden die Textilarbeitenden zur Arbeit im maroden Haus gezwungen. Beim Zusammenbruch des Gebäudes kamen 1.134 Menschen ums Leben und über 2.400 wurden schwer verletzt. Danach wurden hunderte von Fabriken geschlossen. Als Reaktion auf tödliche Unfälle in Bangladesch und Pakistan wurde im Oktober 2014 das Bündnis für Nachhaltige Textilien vom deutschen Bundesministerium gestartet. Das Textilbündnis ist eine “Multi-Akteurs-Partnerschaft” mit rund 120 Mitgliedern aus Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und Standardorganisationen. Als starkes Bündnis wollen sie gemeinsam die Bedingungen in der weltweiten Textilproduktion verbessern – von der Rohstoffproduktion bis zur Entsorgung. Nachhaltigkeit in Textil-Lieferketten umzusetzen, benötigt Fachwissen. Als Grundlage bezieht sich das Bündnis auf Empfehlungen der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit 36 Mitgliederstaaten). Es geht um die Umsetzung unternehmerischer Sorgfaltspflichten in der Bekleidungs- und Schuhbranche. Handlungsbedarf ergibt sich vorrangig in folgenden risikoreichen Bereichen:

2019 stellte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung den Grünen Knopf vor – ein staatliches Textilsiegel, das nachhaltige Kleidung kennzeichnet. Dass man bei jeglichem Engagement für Nachhaltigkeit aber noch nicht am Ziel angelangt ist, belegen Initiativen wie die Fashion Revolution, die sich für mehr Öffentlichkeit und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Textilfabriken einsetzt. Jobs im Globalen Südens würden weiterhin benötigt, jedoch unter verbesserten Bedingungen.

Der grüne Knopf ist ein staatliches Textilsiegel, das nachhaltige Kleidung kennzeichnet.
Staatliches Textilsiegel: Grüner Knopf

Fair Fashion ist die richtige Alternative

Das jetzige Ausmaß der Klimakrise sollte nicht länger verdrängt werden. Ein sofortiges Umdenken und Handeln ist erforderlich. Dafür müssen wir uns alle einen bewussteren Umgang mit Mode angewöhnen: Weniger ist mehr. Anerkannte Siegel geben Sicherheit beim Kauf. Und mit Stil und Haltung kannst du ein Statement setzen: Fair und nachhaltig produzierte Mode kaufen ist eine Möglichkeit. Da tauchen viele Fragen auf: Wo gibt es die denn zu kaufen? Und ist die nicht wahnsinnig teuer?

Darauf geben die Autorinnen der Internet-Plattform Fashion Changers, Jana Braumüller, Vreni Jäckle und Nina Lorenzen, Antworten. Ihr Buch über faire Mode und seine Macherinnen regt dazu an, das eigene Konsumverhalten rund um Kleidung und Trends zu hinterfragen. Ein umfassender Label-Guide, praktische Insidertipps und nützliche Adressen liefern tolle neue Anregungen.

So findest du deinen persönlichen, nachhaltigen Stil

Die politisch motivierte britische Modedesignerin Vivienne Westwood wirbt dafür, weniger Klamotten zu kaufen, diese dafür sorgfältig auszuwählen, um nachhaltig glücklich damit zu sein: “Buy less. Choose well. Make it last.” Ja, bewusster Konsum kann sogar Spaß machen.

Hast du Lust bekommen, dein eigenes Kaufverhalten zu überdenken? Ein erster Schritt zum persönlichen, nachhaltigen Stil könnte das Aussortieren deines überquellenden Kleiderschranks sein. Ein minimalistischer Kleiderschrank bedeutet die Konzentration auf den eigenen Stil und die bewusste Reduktion von Konsum. Er basiert auf deiner eigenen “Kernkollektion” von circa 35 Kleidungsstücken und Schuhen, die alle drei Monate saisonal aufgefrischt wird. Schlichte Basics und Klassiker ergeben mit ausgefallenen Stücken immer neue Outfits. Durch die Übersichtlichkeit deiner Capsule Wardrobe findest du sicher erstaunliche, neue Kombinationsmöglichkeiten mit Accessoires und Schmuck.

Vielleicht könnte auch vegane Mode eine Zielsetzung für dich werden – der Zero-Waste-Trend, Recyling und Upcycling oder Secondhand-Mode? Deine Kleidung und Schuhe halten länger, wenn du sie gut pflegst. Damit die negativen Aspekte der Fast Fashion bald Geschichte sind, benötigen wir auch deine Kreativität, deinen Respekt für die natürliche Umwelt, für soziale Gerechtigkeit sowie deinen Versuch, nachhaltiger zu leben.

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Deine Kleidung trägt eines der folgenden Siegel? Dann hast du alles richtig gemacht: